Seminarleitung: Prof. J. Becker, Prof. H. L. Grob
Schlagwörter: Modellsichten, ARIS-Haus, Handels-H-Modell, PPS, CAD, CAM, CIS
Anwendungsarchitekturen
Der Architekt (in der Baukunst) beschreibt seine Ideen für ein Bauwerk in Plänen mit unterschiedlichen Perspektiven (Grundriss, Draufsicht, Schnitt etc.).
Auch Informationssysteme können aus unterschiedlichen Sichten beschrieben werden, z. B. der Datensicht, der Funktionssicht, der Organisationssicht oder der Prozesssicht. Dies kann durch Beschreibungskonstrukte geschehen, die eher den betriebswirtschaftlichen Gehalt des zu beschreibenden Informationssystems fokussieren (Fachkonzept), oder solche, die die informationstechnische Umsetzung im Visier haben (DV-Konzept, Implementierung). Solche Beschreibungskonstrukte sind Modellierungssprachen wie Entity-Relationship-Modelle, Funktionsdekompositionsdiagramme, Ereignisgesteuerte Prozessketten, Organigramme, Diagramme der UML-Notation etc. Die von Scheer vorgeschlagene Architektur integrierter Informationssyteme (ARIS) stellt einen methodenorientierten Ordnungsrahmen dar.
Wenn Informationssysteme in Wirtschaftszweigen oder Branchen oder Systeme für betriebliche Funktionen auf einem hohen Abstraktionsgrad beschrieben werden, die einen Überblick über den Betrachtungsgegenstand vermitteln und als Navigationshilfe durch die Teilaufgaben benutzt werden können, sprechen wir von domänenorientierten Architekturen. Beispiele sind das Y-Modell und das Handels-H-Modell zur Beschreibung der Aufgaben in Industriebetrieben. Darüber hinaus wird auf die Architektur von Controllingsystemen eingegangen.
In Industrieunternehmen stehen die betriebswirtschaftlich-dispositiven Systeme der Produktionsplanung und ‑steuerung (PPS) und die technischen Systeme der Konstruktion und der Fertigung (CAD Computer Aided Design und CAM Computer Aided Manufacturing) im Mittelpunkt. Sie werden flankiert von den Einkaufssystemen zur Beschaffung der Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe und den Vertriebssystemen zum Verkauf der Fertigprodukte/Ersatzteile an Weiterverwender (z. B. Handelsunternehmen). Eine wesentliche Integrationsaufgabe besteht in der Zusammenführung der technischen und betriebswirtschaftlich-dispositiven Systeme (Kopplung der CAD/CAM-Systeme mit den PPS-Systemen). Ob ein Unternehmen Kostenführer oder Technologieführer ist, ob es eher in der Prozessindustrie oder eher im Maschinenbau angesiedelt ist, hat wesentliche Auswirkungen auf die Gestaltung dieser Integration.
Handelsunternehmen haben eine räumlich-zeitliche Überbrückungsfunktion und eine Sortimentsfunktion zu erfüllen. Dies manifestiert sich in den Hauptaufgaben Beschaffen, Lagern und Verkaufen. Entscheidende Kriterien sind Warenverfügbarkeit, Preisattraktivität und Präsentation der Waren. Handelsinformationssysteme haben diese wesentlichen Aufgaben von Handelsunternehmen zu unterstützen. Logistiksteuerung, Kontraktverwaltung mit Abrufsteuerung, Konditionenverwaltung, Kalkulationsunterstützung, Regaloptimierung, Nachschubsteuerung sind einige der wesentlichen Bereiche, in denen Informationssysteme die Arbeit des Händlers unterstützen müssen.
Neben den Anwendungsarchitekturen für die administrativen und dispositiven Systeme stehen die Architekturen für Entscheidungsunterstützungssysteme oder Controlling-Informationssysteme (CIS). Ein CIS repräsentiert ein Softwaresystem, das der Versorgung sämtlicher Leitungsebenen mit Informationen dient. Zur Architektur eines CIS gehören sowohl unternehmensweite als auch projektbezogene Anwendungen. Daneben hat der Zugriff auf unternehmensinterne und –externe Datenbanken zur Unterstützung des Planungs- und Kontrollprozesses eine besondere Bedeutung für das Controlling.
Beispiel für einen unternehmensweiten Ansatz ist das Konzept der Balanced Scorecard (BSC). Der BSC liegt die Idee zugrunde, dass in Unternehmen üblicherweise ausschließlich finanzielle Steuerungsgrößen zur Umsetzung ihrer Unternehmensstrategie eingesetzt werden. Diese einseitige Sicht führt zu langwierigen und kostenintensiven Prozessen, die besonders in einem dynamischen und globalen Wettbewerb das Unternehmen daran hindert, marktgerechte Veränderungen schnell vorzunehmen. Bei BSC werden deshalb die finanziellen bzw. monetären Kennzahlen um nicht-finanzielle bzw. nicht-monetäre Steuerungsgrößen erweitert. Die nicht-finanziellen Steuerungsgrößen sind in die Perspektiven Kunden, Prozesse sowie Potenziale einzuordnen. Diese Perspektiven stehen miteinander in Beziehung und sollen ein ausgewogenes („balanced“) Zielsystem bilden.

